Polypharmazie in der Altenpflege: Wie Pflegekräfte helfen können, Nebenwirkungen zu vermeiden

Veröffentlicht am 20.06.2025

Eine ältere Frau hat verschiedene Medikamente in der Hand.

Polypharmazie ist ein ernstes und häufiges Problem in der Pflege. Die gleichzeitige Einnahme von mehreren Medikamenten täglich, kann – neben den gewünschten Wirkungen – auch zu einer Vielzahl an unerwünschten und schlimmstenfalls sogar tödlichen Neben- sowie Wechselwirkungen bei Betroffenen führen. Was Pflegekräfte tun können, um diesem Problem wirkungsvoll zu begegnen. 

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Polypharmazie in der Pflege: Ein häufiges Phänomen bei Pflegebedürftigen

Polypharmazie kann verschiedene Ursachen haben. Eine davon ist die „Arzt-Odyssee“. Wenn Patient:innen gleichzeitig bei mehreren Ärzt:innen in Behandlung sind, ohne dass diese sich miteinander absprechen, kommt es häufig zu einer Vielzahl an Arzneimittelverordnungen. Die Hauptursache für Polypharmazie liegt jedoch in der zunehmenden Multimorbidität einer älter werdenden Gesellschaft.

Von Multimorbidität spricht man, wenn Patient:innen gleichzeitig an drei oder mehr chronischen Krankheiten leiden. Bei älteren und pflegebedürftigen Menschen über 65 Jahren kommen Multimorbiditäten sehr häufig vor: Meist nimmt bei ihnen die Zahl der Erkrankungen mit den Jahren zu. So sind Patienten ab 65 Jahren vermehrt von Herz-Kreislauf-Erkrankungen betroffen und leiden zudem an Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes Typ 2, Demenz, Depressionen, Gicht, Parkinson sowie Muskel-Skelett-Erkrankungen oder Allergien. 

Definition: Was ist Polypharmazie? 
Polypharmazie, auch Multimedikation oder Polymedikation genannt, ist in der Literatur nicht einheitlich definiert. Im Allgemeinen versteht man darunter jedoch die gleichzeitige und dauerhafte Einnahme von mindestens fünf verschiedenen Medikamenten täglich. Neben rezeptpflichtigen, zählen dazu auch freiverkäufliche und pflanzliche Arzneien. 

Polypharmazie: Jede dritte Person über 65 Jahre in Deutschland

Um jede dieser Krankheiten leitliniengerecht zu behandeln, kann die Gabe von zwei, vier oder auch mehr Wirkstoffen notwendig sein. Damit summieren sich die Verordnungen bei multimorbiden Patient:innen schnell auf bis zu sechs und mehr Medikamenten pro Tag. Laut dem Arzneimittelkompass der AOK Krankenkasse aus dem Jahr 2022 ist aktuell jede dritte Person über 65 Jahre in Deutschland von Polypharmazie betroffen.

Anna Liebig

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Bei den über 79-Jährigen nimmt fast jeder zweite mehr als fünf Medikamente täglich ein. Jeder zehnte bis zwanzigste Patient in dieser Altersklasse bekommt sogar dauerhaft zehn und mehr Medikamente täglich. Bei dieser Aufzählung sind freiverkäufliche Arzneien, die zur Selbstmedikation von den Patient:innen oft noch zusätzlich eingenommen werden, gar nicht eingerechnet. 

Risiken: Wechselwirkungen, Übermedikation, Nebenwirkungen 

Jedes Arzneimittel kann neben seiner erwünschten Wirkung, auch mehr oder weniger starke, unerwünschte Nebenwirkungen haben. Studien zu Nebenwirkungen finden allerdings in der Regel an Probanden unter 65 Jahren statt. Zudem wird dabei ausschließlich der zu testende Wirkstoff untersucht. Während jüngere Patient:innen bestimmte Medikamente oft gut vertragen, ist dies bei älteren oder gar geriatrischen Patient:innen nicht zwangsläufig der Fall. Der Grund: Ältere Menschen haben häufig einen verlangsamten Stoffwechsel sowie einen veränderten Körperfett- und Körperwasseranteil. Auch kann es passieren, dass innere Organe, insbesondere Nieren und Leber, die für den Abbau vieler Medikamentenwirkstoffe verantwortlich sind, bereits eingeschränkt sind. 

So kann es zu ungewollten Über- oder Unterdosierungen kommen, weil Stoffe länger im Körper verbleiben, nur unzureichend oder gar nicht erst aufgenommen, anders verteilt und abgebaut werden. Ältere Menschen zeigen daher, bei gleicher Dosierung, oft deutlich häufiger Nebenwirkungen. Werden die Beschwerden nicht als solche erkannt, können regelrechte Verschreibungskaskaden entstehen. Die tägliche Medikamentengabe schaukelt sich im schlimmsten Fall auf zehn bis zwanzig und mehr Arzneimittel hoch. 

Je mehr Medikamente eingenommen werden, desto höher ist das Risiko für Wechselwirkungen. Auch freiverkäuflichen Arzneien in Selbstmedikation sowie Lebensmittel wie Alkohol, Kräutertees oder Nahrungsergänzungsmitteln können mit Medikamenten reagieren. Die Folge ist, dass mögliche Wirkungen unkontrolliert verstärkt, abgeschwächt, verlängert oder verkürzt werden können. 

Mit Zahl der Medikamente steigen auch die Einnahmefehler 

Ein zusätzliches Problem der Polypharmazie sind auch Einnahmefehler. Studien zeigen, dass mit Zunahme der Verordnungen auch die Non-Compliance bei den Patient:innen stark ansteigt. Das heißt, dass Medikamente oft nicht mehr so eingenommen werden, wie sie ursprünglich verordnet wurden. Denn bei Einnahme und Darreichung gibt es sehr viele Dinge zu beachteten. So müssen einige Medikamente vor, mit oder nach dem Essen eingenommen werden. Manche Wirkstoffe dürfen nur aufrecht geschluckt werden und es müssen Zeitintervalle eingehalten werden. 

Im Alltag ist das oft schwierig einzuhalten und es passieren Fehler. So kann es vorkommen, dass Pillen vergessen und dann beim nächsten Mal doppelt genommen werden. Um leichter schlucken zu können, werden Kapseln geöffnet und Tabletten geteilt, bestimmte Arzneistoffe einfach weggelassen oder Dosierungen selbstständig verändert. Je nachdem, welche Wirkstoffe in Aktion traten, kann das fatale Folgen haben. 

Typische Probleme der Polypharmazie in Pflegeheimen und ambulanter Pflege 

Komplikationen durch Polypharmazie sind in der Pflege leider keine Seltenheit. Neben kognitiven Beeinträchtigungen, Urininkontinenz, Herz-Kreislaufproblemen, Schwindel und Stürzen, erhöht Polypharmazie auch das Sterberisiko. 16.000 bis 25.000 Todesfälle pro Jahr sind, laut Einschätzung des Bremer Gesundheitsforschers Gerd Glaeske, auf Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten zurückzuführen. 

Zum Vergleich: Das sind fast zehnmal mehr, als es im Jahr 2024 an Verkehrstoten gab. Auch sind rund fünf Prozent aller Krankenhauseinweisungen auf Arzneimittelneben- und Wechselwirkungen zurückzuführen. Bei älteren Menschen geht man sogar von zehn Prozent aus. Laut Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V. (ABDA) wären 50 Prozent davon vermeidbar. 

Rolle der Pflegekräfte: Erkennen von Nebenwirkungen und Interaktionen 

Neben den behandelnden Ärzt:innen und Apotheker:innen können Pflegekräfte hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Pflegekräfte sind in der Regel für das Richten der Medikamente verantwortlich. Sie wissen also meistens ganz genau, wer welche und wie viele Medikamente in welcher Dosierung bekommt. In Pflegeeinrichtungen und bei Menschen mit hohen Pflegegraden helfen Sie in der Regel auch bei der Einnahme beziehunsgweise Verabreichung. Wenn es um mögliche Nebenwirkungen geht, sind sie für Patient:innen deshalb oftmals die ersten Ansprechpartner:innen.  

Zusammenarbeit mit Ärzt:innen und Apotheker:innen zur Medikationsoptimierung 

Da Pflegekräfte ihre Patient:innen gut kennen, können sie mögliche Veränderungen, Besonderheiten und Auffälligkeiten auch besonders schnell erkennen und entsprechend dokumentieren und weiterleiten. Diese zusätzlichen Informationen sind für die behandelnden Ärzt:innen sehr wichtig, um mögliche Ursachen von Neben- und Wechselwirkungen möglichst schnell ausfindig machen und die Medikation entsprechend anpassen zu können.

Als Schnittstelle zwischen Arzt/Ärztin und Patient:in kommt Pflegekräften damit eine ganz entscheidende Schlüsselrolle zu. Um diese Schlüsselposition optimal wahrnehmen zu können, sind Fort- und Weiterbildungen im Bereich Medikation gerade auch für Pflegekräfte besonders sinnvoll. Nur so ist es möglich, das ständig wachsende Wissen über Wirkstoffe und Medikamente auf dem neuesten Stand zu halten. 

Einsatz von digitalen Medikationsplänen und Deprescribing-Strategien 

Pflegekräfte sind es in der Regel auch, die zuerst mitbekommen, wenn sich der Allgemeinzustand ihrer Patient:innen verändert, z.B. kognitiven Fähigkeiten nachlassen, selbstständiges Gehen nicht mehr möglich ist, Schluckschwierigkeiten auftreten, etc. Weil sich mit der Verschlechterung von Fähigkeiten leider meist auch die Lebenssituation der Patient:innen stark verändert, ist es sinnvoll auch die Medikation entsprechend anzupassen. 

Je älter und geriatrischer Patient:innen werden, umso mehr verändern sich auch die Ziele der Medikation. So rückt dann zum Beispiel die Symptomkontrolle mehr in den Vordergrund und Prophylaxe-Maßnahmen treten nach hinten. Bestimmte Medikamente können dann weggelassen bzw. ausgeschlichen werden. Wenn Arzneien aktiv abgesetzt werden, spricht man vom Describing, was geriatrische und multimorbide Patient:innen oftmals entlastet.

Die hausärztliche Leitlinie „Multimedikation“ sieht vor, dass mindestens einmal jährlich eine Medikationsüberprüfung mit Bestandsaufnahme und Bewertung der aktuellen Medikation erfolgen soll. Weiter Überprüfungen sollen bei zusätzlichen Risiken und Ereignissen, wie Stürzen, Krankenhausaufenthalten, aber auch anderen entscheidenden Veränderungen erfolgen. Hier können Pflegekräfte wichtige Unterstützung liefern. 

Gesetzlicher Anspruch auf Medikationsplan 

Um einen Überblick darüber zu erhalten, welche Medikamente ein/e Patient:in täglich einnimmt, wurde 2016 der bundeseinheitliche Medikationsplan eingeführt. Alle Patient:innen, die dauerhaft mindestens drei systemisch wirkende Medikamente pro Tag einnehmen, die von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt werden, haben seither Anspruch darauf.

Beim bundeseinheitlichen Medikationsplan handelt es sich um einen Vordruck, auf dem sämtliche Medikamente, die dauerhaft verordnet wurden, mit genauer Dosierung, Einnahmeempfehlung sowie dem Grund der Verordnung aufgeführt werden. Die Ausstellung erfolgt in der Regel über den Hausarzt oder die Hausärztin und sollte von den jeweiligen Fachärzt:innen entsprechend ergänzt werden. 

Untersuchungen zeigen jedoch, dass das leider nicht immer zuverlässig geschieht und viele Medikationspläne daher lücken- oder fehlerhaft sind. Mit Einführung der elektronischen Patientenakte sollen die Medikationspläne jetzt elektronisch geführt werden, was es für die verschiedenen Behandler deutlich einfacher macht, sie einzusehen und die Medikation auf dem aktuellen Stand zu halten. Ob das in Zukunft besser funktioniert, bleibt zu hoffen. 

Fazit: Schulungen und klare Kommunikation als Lösung 

Pflegekräfte nehmen eine Schlüsselrolle in der Kommunikation zwischen Patient:innen, Arzt und Ärztin und Apotheker:innen ein. Sie können damit entscheidend dazu beitragen, mögliche Neben- und Wechselwirkungen der Polymedikation, frühzeitig zu erkennen und zu verhindern. Regelmäßige Fort- und Weiterbildungen zum Thema Medikation helfen das Wissen immer aktuell zu halten.

Regelmäßige Austauschrunden zwischen den Behandelnden tragen dazu bei, dass die Medikationspläne regelmäßig auf den aktuellen Bedarf angepasst werden. Dabei sollten auch Describing-Strategien zum Einsatz kommen, die in elektronischer Form von allen Beteiligten zukünftig noch einfacher eingesehen und entsprechend angepasst werden können.

Medizinische und rechtliche Hinweise:

Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und ersetzt keinesfalls eine professionelle medizinische Beratung. Die enthaltenen Informationen sind nicht dafür geeignet, eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen zu beginnen bzw. abzubrechen. Bei gesundheitlichen Anliegen und zur Klärung individueller Fragen sollte stets ein qualifizierter Arzt oder eine qualifizierte Ärztin konsultiert werden. Im Falle gesundheitlicher Probleme ist es wichtig, rechtzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

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